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23. Januar 2026 · ca. 3 Minuten Lesezeit · Analysen

Warum billige Kernenergie vor allem eine Erzählung ist

Die Idee billiger Kernenergie überlebt nicht wegen ihrer Zahlen, sondern wegen ihrer Erzählung. Sie funktioniert nur, solange man nicht präzise hinsieht, wann Kosten entstehen, wer sie trägt und zu welchem Zeitpunkt Strom tatsächlich verfügbar ist.

Cooling towers release smoke into a dramatic sunset sky, highlighting environmental impact.
Photo by Markus Distelrath on Pexels

Die aktuelle Wiederentdeckung der Kernenergie folgt einem vertrauten Muster. Sie wird nicht als marktwirtschaftliches Projekt diskutiert, sondern als systemische Notwendigkeit: klimaneutral, grundlastfähig, souverän. Diese Zuschreibungen sind nicht falsch, aber sie sind unvollständig. Sie verschieben den Fokus von der entscheidenden Frage weg – der ökonomischen Realität des Neubaus unter heutigen Bedingungen.

Historisch niedrige Strompreise aus Kernkraft waren kein Beleg für besondere Kosteneffizienz. Sie waren Resultat eines institutionellen Arrangements, in dem Risiken ausgelagert wurden. Baukostenüberschreitungen, lange Finanzierungsphasen, Haftungsfragen, Rückbau und Endlagerung erschienen selten im Strompreis, fast immer in staatlichen Haushalten oder impliziten Garantien. Ökonomisch betrachtet handelte es sich nicht um günstige Produktion, sondern um eine fragmentierte Kostenrechnung.

Physik kennt keine Abkürzungen

Aus physikalischer Sicht ist das wenig überraschend. Kernkraftwerke sind Hochkomplexsysteme mit extremen Sicherheitsanforderungen. Redundanz, Materialqualifikation, Qualitätssicherung und regulatorische Kontrolle sind kein Beiwerk, sondern der Kern der Technologie. Jeder Versuch, diese Komplexität zu „verschlanken“, verschiebt Risiken, nicht Kosten. Der oft beschworene industrielle Lerneffekt bleibt begrenzt, weil jeder Reaktor standortspezifisch geplant und genehmigt wird. Serienfertigung im engeren Sinn findet nicht statt.

Diese technische Realität übersetzt sich unmittelbar in ökonomische Trägheit. Der überwiegende Teil der Kosten entsteht vor der ersten Kilowattstunde. Lange Bauzeiten bedeuten hohe Kapitalkosten, und Zeit wirkt hier nicht neutral, sondern preissteigernd. Jede Verzögerung erhöht den Barwert der Investition, unabhängig davon, wie niedrig die späteren Brennstoffkosten ausfallen. In liberalisierten Strommärkten ist dieses Risiko für private Investoren kaum tragbar. Deshalb existieren Neubauprojekte praktisch nur dort, wo der Staat als Garant auftritt.

Neubau als Sonderökonomie

Die europäischen Referenzprojekte gelten längst nicht mehr als Ausnahmen, sondern als empirischer Standard. Flamanville zeigt, wie regulatorische Nachschärfungen während der Bauphase Kosten und Zeitrahmen verschieben. Olkiluoto illustriert, wie juristische Auseinandersetzungen Teil der Projektökonomie werden. Hinkley Point C macht deutlich, dass Neubau heute nur über langfristig garantierte Abnahmepreise finanzierbar ist – indexiert, staatlich abgesichert und deutlich oberhalb historischer Marktpreise. Diese Mechanismen senken keine Strompreise, sie fixieren sie.

Der Vergleich mit anderen Erzeugungsarten verschärft diesen Befund. Gas- und Kohlekraftwerke lassen sich in wenigen Jahren errichten, Wind- und Solaranlagen oft in Monaten. Ihre Kostenprofile sind transparenter, ihre Bauzeiten kürzer, ihre Skalierung schneller. Physikalisch liefern sie andere Qualitäten, ökonomisch aber reagieren sie auf Knappheit. Kernenergie tut das nicht. Sie produziert verlässlich – aber spät.

Warum Preise trotzdem hoch bleiben

Entscheidend für Endkunden bleibt zudem die Marktlogik. Die Merit-Order sorgt dafür, dass nicht die durchschnittlichen Kosten einer Technologie den Preis bestimmen, sondern die Grenzkosten des teuersten noch benötigten Kraftwerks. Kernenergie mit niedrigen variablen Kosten senkt das Preisniveau nur dann, wenn sie das marginale Kraftwerk ersetzt. In angespannten Systemen mit hoher Nachfrage geschieht das selten. Die Wahl des Stromanbieters ändert daran wenig; sie verschiebt Bilanzkreise, nicht Preisbildungsmechaniken.

Damit ist auch das zentrale Versprechen der aktuellen Renaissance-Erzählung adressiert. Neue Kernkraftwerke werden häufig als Instrument gegen hohe Strompreise ins Feld geführt. Ökonomisch ist das nicht haltbar. Hohe Investitionskosten, lange Amortisationszeiträume und staatlich garantierte Vergütungen wirken preisstabilisierend nach oben. Sie reduzieren Unsicherheit für Betreiber, nicht Kosten für Verbraucher.

Das bedeutet nicht, dass Kernenergie keine Rolle spielen kann. Bestehende Anlagen liefern CO₂-armen Strom mit hoher Verfügbarkeit und können Versorgungssysteme stabilisieren. Doch Neubau ist keine Fortschreibung dieses Arguments, sondern eine neue Entscheidung mit anderen Konsequenzen. Physikalisch robust, ökonomisch träge, politisch teuer.

Der Mythos der billigen Kernenergie entsteht dort, wo diese Ebenen vermischt werden: Betriebskosten werden mit Systemkosten verwechselt, historische Preise mit zukünftigen Rechnungen, Versorgungssicherheit mit Preissenkung. Trennt man diese Kategorien sauber, bleibt eine nüchterne Feststellung. Kernenergie ist eine technisch beeindruckende, aber ökonomisch schwere Technologie. Wer sie baut, kauft Stabilität – nicht billigen Strom.

Energie als Strukturentscheidung

Was daraus folgt, ist weniger eine technologische Entscheidung als eine strategische. Kernenergie ist unter heutigen Bedingungen keine Zukunftstechnologie, sondern eine Verlängerung bestehender Strukturen mit hohem Kapitaleinsatz und geringer Anpassungsfähigkeit. Gas und Kohle wiederum erfüllen noch eine Übergangsfunktion, aber ihre ökonomische und geopolitische Logik ist endlich: volatile Preise, Importabhängigkeit, klimapolitische Externalitäten. Sie sind Brückentechnologien ohne Zielort.

Der eigentliche Strukturbruch liegt anderswo. Er liegt in einem Energiesystem, das nicht auf wenige zentrale Großanlagen setzt, sondern auf Skalierbarkeit, Diversität und Geschwindigkeit. Erneuerbare Energien sind in diesem Sinne weniger eine einzelne Technologie als ein Baukasten. Ihre Herausforderung ist nicht die Erzeugung, sondern die Integration: der Ausgleich von Schwankungen, die Kopplung von Sektoren, die intelligente Speicherung. Diese Speicherung erschöpft sich nicht in Batterien, sondern umfasst Netze, Lastmanagement, thermische Speicher, Wasserstoffanwendungen und industrielle Flexibilität. Es geht nicht um eine Lösung, sondern um ein System.

Dieser Umbau kostet Geld. Jede tiefgreifende Infrastrukturtransformation tut das. Der Unterschied liegt in der Richtung der Rendite. Investitionen in erneuerbare Systeme zahlen sich nicht primär über garantierte Preise aus, sondern über sinkende Grenzkosten, technologische Lernkurven und strategische Unabhängigkeit. Die Rendite besteht nicht nur in Kilowattstunden, sondern in Souveränität, Resilienz und langfristiger Preisdämpfung.

In dieser Perspektive erscheint die Fixierung auf Kernenergie als Umweg. Nicht weil sie technisch unbrauchbar wäre, sondern weil sie Kapital bindet, wo Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit entscheidend sind. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Technologien, sondern zwischen Zeitlogiken. Wer heute Energiepolitik betreibt, entscheidet weniger über die nächste Kilowattstunde als über die Struktur der kommenden Jahrzehnte. Und diese Struktur wird nicht von der Frage geprägt sein, welche Technologie am zuverlässigsten Strom produziert, sondern welche am schnellsten, flexibelsten und dauerhaft günstigsten skaliert.

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Axel Napolitano betreibt Awesomniac und publiziert dort regelmäßig zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Die Plattform dient ihm als unabhängiger Ort für Kommentare, Essays und analytische Einordnungen.

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