Die Angst vor Obdachlosigkeit
Die Angst vor Obdachlosigkeit ist keine Randemotion. Sie ist das stille Fundament, auf dem der gegenwärtige Wohnungsmarkt ruht – und auf dem politische Untätigkeit zur Struktur geworden ist.

Obdachlosigkeit gilt als Extremfall. Als Rand. Als Schicksal einiger weniger. Tatsächlich wirkt sie in einer anderen, weit subtileren Form: als permanente Drohkulisse. Nicht sichtbar, nicht statistisch sauber zu erfassen, aber allgegenwärtig. Wer in angespannten Wohnungsmärkten lebt, weiß, dass Wohnen kein selbstverständlicher Zustand mehr ist, sondern ein revokables Privileg. Kündbar. Verteuerbar. Verhandelbar – allerdings nur einseitig.
Diese Angst ist keine Überreaktion. Sie ist rational. Sie speist sich aus steigenden Mieten, knapper werdendem Wohnraum, aus dem Wissen, dass ein Jobverlust, eine Trennung oder eine Eigenbedarfskündigung ausreichen können, um in eine Abwärtsspirale zu geraten, aus der es kaum Rückkehr gibt. Der Verlust der Wohnung ist kein isoliertes Ereignis, sondern der Verlust der sozialen Infrastruktur des Lebens: Arbeit, Gesundheit, Teilhabe. In dieser Hinsicht ist Obdachlosigkeit mehr als Wohnungsnot – sie ist sozialer Ausschluss in Reinform.
Dass diese Angst wächst, ist kein Naturereignis. Sie ist politisch produziert.
Fehlregulierung statt Marktlogik
Seit Jahren wird die Wohnungsfrage entlang einer falschen Achse diskutiert. Zu viel Regulierung, heißt es. Zu viele Vorschriften. Zu viele Eingriffe. Der Markt könne das besser, schneller, effizienter. Diese Diagnose greift nicht nur zu kurz – sie verkennt das Problem grundlegend. Denn was den Wohnungsmarkt prägt, ist nicht Überregulierung, sondern Fehlregulierung.
Fehlregulierung zeigt sich dort, wo Regeln zwar existieren, aber an der Realität vorbeigehen. Die Mietpreisbremse ist dafür das bekannteste Beispiel. Sie gilt nicht flächendeckend, sie greift nur bei Neuvermietung, sie enthält zahlreiche Ausnahmen, und ihre Durchsetzung ist an den Einzelnen delegiert. Wer sie in Anspruch nehmen will, muss sein künftiges Wohnverhältnis juristisch belasten – in einem Markt, in dem Alternativen fehlen. Das ist keine wirksame Regulierung, sondern ein theoretisches Instrument in einem praktischen Machtungleichgewicht.
Ähnlich verhält es sich bei Genehmigungsverfahren. Der politische Konsens, dass schneller und günstiger gebaut werden muss, existiert seit Jahren. In der Praxis treffen Bauherren – private wie öffentliche – auf ein Geflecht aus Landesbauordnungen, kommunalen Satzungen, Umweltauflagen und Einzelfallprüfungen, deren Zusammenspiel kaum jemand vollständig überblickt. Das Problem ist dabei nicht jede einzelne Regel, sondern ihre fehlende Priorisierung. Lärmschutz, Energieeffizienz, Stellplatzsatzungen, Abstandsflächen: Alles ist wichtig, alles gilt immer, alles gleichzeitig. Das Ergebnis ist nicht Qualität, sondern Stillstand.
Fehlregulierung zeigt sich auch dort, wo der Staat bewusst nicht hinschaut. Boden kann über Jahre brachliegen, ohne dass dies Konsequenzen hätte. Wohnungen können leer stehen, während Wohnraum fehlt. Eigentümerstrukturen bleiben intransparent, obwohl sie für Marktmechanismen hochrelevant sind. Das sind keine Naturgesetze, sondern politische Entscheidungen – oder genauer: politische Unterlassungen.
Wohnen als Produktivitätsfaktor
Die Folgen dieser Fehlregulierung bleiben nicht auf den Wohnungsmarkt beschränkt. Sie greifen tief in den Arbeitsmarkt und damit in die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ein. Wohnraummangel und die schrittweise Rückkehr zu Präsenzpflichten verstärken sich gegenseitig – und erzeugen Kosten auf beiden Seiten des Arbeitsverhältnisses.
Für Arbeitnehmer bedeutet das, dass ein wachsender Teil des Einkommens für Miete und Nebenkosten aufgewendet werden muss. Reallohngewinne, sofern sie überhaupt existieren, werden absorbiert, bevor sie wirksam werden können. Für Arbeitgeber heißt es, dass Attraktivität zunehmend über Lohn kompensiert werden muss – nicht aus Produktivitätsgründen, sondern zur bloßen Sicherung der Existenzfähigkeit ihrer Beschäftigten. Besonders betroffen sind hochqualifizierte Tätigkeiten in Ballungsräumen, deren Arbeitskräfte mobil wären, wenn Wohnen es zuließe.
Noch gravierender sind die Effekte in jenen Branchen, die weder hohe Löhne noch flexible Arbeitsmodelle bieten können. Pflege, Einzelhandel, Logistik, Handwerk, Produktion – Tätigkeiten mit Präsenznotwendigkeit und begrenztem Lohnspielraum. Dort führt Wohnraummangel zu längeren Pendelwegen, höheren Mobilitätskosten und realem Verlust an Lebenszeit. Was als individuelle Zumutung erscheint, ist gesamtwirtschaftlich ein Effizienzverlust. Arbeitskraft wird gebunden, nicht produktiv eingesetzt.
Diese Dynamik bleibt nicht lokal begrenzt. Steigende Lohnkosten in hochpreisigen Regionen wirken entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dienstleistungen verteuern sich, Preise für Güter des täglichen Bedarfs steigen, während die Kaufkraft real sinkt. Der Wohnungsmarkt wird so zu einem inflationären Verstärker, der sich der klassischen geldpolitischen Steuerung entzieht.
Die Perspektive der Vermieter
Wer diese Zustände kritisiert, muss zugleich anerkennen, dass auch Vermieter nicht in einem idealen System agieren. Ein großer Teil des Mietmarktes besteht nicht aus anonymen Konzernen, sondern aus Menschen, die eine Wohnung oder ein geerbtes Haus vermieten. Für sie ist Wohnraum kein Spekulationsobjekt, sondern Vermögensbestandteil, Altersvorsorge, oft auch emotionales Erbe.
Auch diese Seite ist von Fehlregulierung betroffen. Mietrechtliche Vorgaben ändern sich häufig, sind komplex, teilweise widersprüchlich. Instandhaltungspflichten steigen, Modernisierungen sind teuer und rechtlich riskant. Gleichzeitig fehlt Verlässlichkeit: Förderprogramme sind befristet, Auflagen verändern sich, politische Signale wechseln. Wer in diesem Umfeld investiert, handelt nicht in einem freien Markt, sondern in einem unsicheren Regelraum.
Deregulierung würde diese Unsicherheit nicht beseitigen. Sie würde sie verschieben – zulasten der Schwächeren. Was Vermieter tatsächlich benötigen, ist nicht weniger Regelung, sondern klare, konsistente und durchsetzbare Regeln, die Planung ermöglichen. Ein Markt, in dem Wohnraum entsteht, erhalten wird und fair zugänglich bleibt, braucht Verlässlichkeit auf beiden Seiten. Freiheit entsteht nicht im rechtsfreien Raum, sondern durch berechenbare Strukturen.
Die Asymmetrie als System
Besonders deutlich wird die strukturelle Schieflage beim Zugang zu Wohnraum. Mietinteressenten legen heute Informationen offen, die in keinem anderen Vertragsverhältnis üblich wären. Einkommen, Vermögen, familiäre Konstellationen, private Lebensführung. Ablehnungen erfolgen kommentarlos. Kriterien bleiben intransparent. Diskriminierung ist schwer nachweisbar und faktisch folgenlos.
Rechtlich ist vieles davon zumindest fragwürdig. Praktisch ist es irrelevant. Denn auch hier wirkt die Asymmetrie: Der Vermieter wählt, der Suchende bewirbt sich. Der eine prüft, der andere hofft. Datenschutz, Gleichbehandlung, Persönlichkeitsrechte existieren in diesem Kontext oft nur formal. Wer Wohnraum braucht, stellt keine Grundsatzfragen. Er unterschreibt.
Diese Asymmetrie ist kein moralisches Versagen Einzelner. Sie ist das Resultat eines Mangelsystems. In einem ausgeglichenen Markt wäre Auswahl kein Machtinstrument. In einem angespannten Markt wird sie zu einem Filter sozialer Zugehörigkeit.
Wohnen und Würde
An diesem Punkt berührt die Wohnungsfrage eine Ebene, die selten offen ausgesprochen wird. Sie ist nicht nur eine ökonomische oder soziale Frage, sondern eine verfassungsnahe. Das Grundgesetz kennt kein explizites Recht auf Wohnraum. Es kennt aber die Unantastbarkeit der Menschenwürde und den Anspruch auf ein menschenwürdiges Existenzminimum. Dieser Anspruch ist nicht abstrakt. Er ist materiell.
Ein Leben ohne gesicherten Wohnraum ist kein menschenwürdiges Leben. Es ist ein Leben unter Vorbehalt. Wer jederzeit befürchten muss, seine Wohnung zu verlieren, ist nicht frei im substantiellen Sinne. Freiheit erschöpft sich nicht in der formalen Abwesenheit von Zwang. Sie setzt Stabilität voraus. Planbarkeit. Die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die über den nächsten Monat hinausreichen.
In diesem Sinne ist bezahlbarer Wohnraum keine Sozialleistung, sondern eine Infrastruktur der Freiheit. Dass er für breite Teile der Bevölkerung nicht mehr erreichbar ist, ist kein individuelles Versagen, sondern ein kollektives.
Dabei fällt ein weiterer Zielkonflikt ins Auge. Der Schutz historischer Stadtbilder, niedrige Traufhöhen und kleinteilige Bebauung genießen häufig höheren Stellenwert als die existenziellen Wohnbedürfnisse der Gegenwart. Es wird flach gebaut, exklusiv und flächenintensiv. Innenstädte verdichten sich nicht, sie verknappen sich. Luxuswohnungen entstehen nicht zuletzt deshalb, weil Raum künstlich begrenzt bleibt.
Die Realität ist banal und zugleich politisch unpopulär: Gegen Knappheit hilft bauen. Nicht symbolisch, sondern in relevantem Umfang. Nicht nur horizontal, sondern vertikal. Städte verfügen über Raum nach oben – rechtlich und planerisch wird er oft nicht genutzt. Wo Knappheit abnimmt, sinkt der Preis. Das ist keine Ideologie, sondern Marktlogik.
Neuregulierung statt Stillstand
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob der Wohnungsmarkt reguliert werden soll, sondern wie. Neuregulierung bedeutet nicht mehr Regeln, sondern bessere. Sie bedeutet Priorisierung statt Addition, Durchsetzung statt Symbolik, Transparenz statt Delegation an den Einzelnen. Sie bedeutet, dort einzugreifen, wo Märkte systematisch versagen – und sich dort zurückzunehmen, wo Regeln lediglich Komplexität erzeugen.
Ein Wohnungsmarkt, der Freiheit ermöglichen soll, muss Ungleichgewichte aktiv korrigieren. Nicht durch moralische Appelle, sondern durch funktionierende Institutionen. Alles andere ist Rhetorik.
Ein stiller Kipppunkt
Vielleicht liegt das eigentliche Problem darin, dass Wohnungsnot selten spektakulär ist. Sie kommt schleichend. In Quadratmeterpreisen. In Verzicht. In der Entscheidung, den Job nicht zu wechseln, die Stadt nicht zu verlassen, den Konflikt mit dem Vermieter nicht auszutragen. Sie äußert sich nicht im Protest, sondern in Anpassung.
Gerade deshalb ist sie gefährlich. Eine Gesellschaft, in der Wohnen zur existenziellen Unsicherheit wird, verliert nicht nur sozialen Zusammenhalt, sondern auch demokratische Souveränität. Wer permanent unter Druck steht, fordert nicht. Er hofft. Und Hoffnung ist ein schlechter Ersatz für Rechte.
Der Wohnungsmarkt ist kein technisches Politikfeld. Er ist ein Spiegel dessen, wie ernst eine Gesellschaft ihre eigenen Freiheitsversprechen nimmt. Und dieser Spiegel zeigt derzeit ein Bild, das man nicht mehr als Übergangsphase beschreiben kann.
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