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12. Januar 2026 · ca. 5 Minuten Lesezeit · Inland

Zurückschlagen ins Leere

Der mehrtägige Stromausfall im Berliner Südwesten war kein Ausnahmeereignis, sondern eine präzise Störung an der richtigen Stelle. Er zeigt weniger, wer angreift, als wie leicht angreifbar das System ist – und wie routiniert Politik diese Realität rhetorisch umgeht.

a group of power lines in the dark
Photo by Nhan Hoang on Unsplash

Im Berliner Südwesten reichten wenige gezielte Brandstellen an einer Kabelbrücke, um aus einer Metropole für Tage ein Ensemble aus Notbehelfen zu machen: ohne verlässliche Heizung, ohne Mobilfunkinseln, mit improvisierten Wärmeräumen und dem paradoxen Gefühl, dass das Hochkomplexe ausgerechnet an einem sehr physischen Punkt zerbricht. Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe waren betroffen, der Ausfall zog sich über mehrere Tage und gilt als längster Blackout der Stadt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was diese Episode politisch so brauchbar macht, ist nicht die Tat, sondern die Versuchung, sie falsch zu lesen. Alexander Dobrindt stellte sich nach dem Anschlag hin und sprach vom „Zurückschlagen“ – verbunden mit einem Maßnahmenpaket: mehr Personal für Nachrichtendienste, erweiterte digitale Befugnisse, flankiert von einem KRITIS-Dachgesetz, das Betreiber stärker verpflichten soll. Das klingt nach Handlungsfähigkeit, nach staatlichem Reflex. Nur beantwortet es den Vorfall weniger, als dass es ihn rhetorisch umetikettiert – weg vom schlichten Problem der Verwundbarkeit, hin zum politisch vertrauten Terrain der Feindmarkierung.

Die vertraute Einfallslosigkeit der Sicherheitsrhetorik

Auffällig ist dabei nicht nur die begrenzte Wirksamkeit dieser Vorschläge, sondern ihre bemerkenswerte Konventionalität. Was unter dem Etikett „digitale Befugnisse“ firmiert, bewegt sich seit Jahren in einem eng abgesteckten Instrumentenkasten: erweiterte Überwachung, niedrigere Eingriffsschwellen, Online-Durchsuchung, Datenzusammenführung. Es sind Maßnahmen, die politisch als Entschlossenheit verkauft werden können, operativ aber regelmäßig dort ansetzen, wo der Staat ohnehin am stärksten ist – bei der Kontrolle von Kommunikation – und nicht dort, wo seine strukturellen Defizite liegen. Der Kollateralschaden ist dabei kein Betriebsunfall, sondern systemisch: Jeder zusätzliche Zugriff auf private IT-Systeme, jede Ausweitung nachrichtendienstlicher Kompetenzen verschiebt die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit weiter zugunsten eines präventiven Verdachtsstaates. Juristisch bewegen sich solche Eingriffe seit jeher am Rand dessen, was das Bundesverfassungsgericht als verhältnismäßig und grundrechtskonform akzeptiert; politisch erzeugen sie vor allem eines: den Eindruck von Aktivität. Für die physische Sicherung einer Kabeltrasse oder die Redundanz eines Netzknotens sind sie irrelevant. Im ungünstigsten Fall absorbieren sie Aufmerksamkeit und Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen – und produzieren genau jene Vertrauensverluste, die Resilienz im gesellschaftlichen Sinn untergraben.

Infrastruktur ist kein Gegner

Denn „zurückschlagen“ ist eine Kategorie für Konflikte, nicht für Systeme. Die Stromversorgung ist kein Boxring, sie ist eine Kette aus Redundanzen, Engpässen, Personal, Ersatzteilen, Betriebsprozeduren und Prüfpflichten. Wer sie schützt, gewinnt keine Schlagzeile, sondern Zeit: durch bauliche Abschottung, durch alternative Trassen, durch Detektion, durch Reparaturfähigkeit, durch eine Krisenkommunikation, die nicht selbst zur Störung wird. Ausgerechnet Letzteres lieferte Berlin als unfreiwillige Groteske: Als die Wiederversorgung anlief, löste eine Cell-Broadcast-Warnung mit der Dringlichkeitsstufe „Extreme Gefahr“ Verwirrung aus. Technisch erklärbar, praktisch aber ein Hinweis darauf, dass Resilienz nicht bei Kabeln endet, sondern bei Sprache und Prozessen.

Effizienz als Angriffsfläche

Der Anschlag selbst ist in seiner Logik unerquicklich simpel. Kein Hack, kein Hightech-Szenario, sondern Brandstiftung an einem Punkt, an dem viele Leitungen räumlich gebündelt sind. Ermittlungen laufen auf Bundesebene, der Vorgang wird als Sabotagekomplex behandelt. Entscheidend ist: Wer die Energieversorgung eines Stadtteils treffen will, muss nicht „das Netz“ zerstören. Es reicht, die richtigen Übergänge zu treffen – Brücken, Knoten, Umspannwerk-Peripherie, Kabeltrassen, die aus historischen und städtebaulichen Gründen eben dort liegen, wo sie liegen. Moderne Infrastruktur ist nicht nur robust, sie ist auch verdichtet. Diese Verdichtung ist Effizienz – und Angriffsfläche.

Dass es zu einem mehrtägigen Ausfall kam, ist weniger ein Beleg für völlige Schutzlosigkeit als für die reale Trägheit technischer Wiederherstellung. Die Rückkehr der Versorgung erfolgte schrittweise über provisorische Leitungen und Umschaltungen, inklusive kurzfristiger Unterbrechungen selbst bei bereits wieder versorgten Haushalten. Reparatur ist nicht bloß „Kabel tauschen“. Hochspannung verlangt Prüfregime, Materialverfügbarkeit, spezialisierte Teams – und Zeit. Der Blackout war damit auch eine Lektion in industrieller Realität: Selbst wenn alle wollen, dauert manches, weil Materialeigenschaften und Sicherheitsstandards nicht verhandelbar sind.

Die bequeme Ablenkung durch Täterfragen

An diesem Punkt kippt die Debatte gern in Moral, und Moral ist das Schmiermittel der Nebelkerze. Die Frage „Wer hat’s getan?“ verdrängt die Frage „Warum war’s so leicht – und bleibt es das?“ Der politische Reflex, auf einen Angriff mit Überwachung und Strafverfolgung zu reagieren, ist nicht falsch. Er ist nur nicht hinreichend. Nachrichtendienste können Szenen beobachten, Polizeien Netzwerke ausheben, Gerichte urteilen. Aber all das schützt keine Kabelbrücke in der Nacht, wenn niemand hinschaut und wenn die Struktur so gebaut ist, dass ein einzelner Punkt zu viel trägt.

Damit rückt auch die sogenannte Vulkangruppe ins Blickfeld – weniger als konkrete Organisation denn als Etikett. Bekennerschreiben, Distanzierungen, widersprüchliche Zuschreibungen: Das Bild bleibt diffus. Gerade diese Diffusität macht solche Phänomene operativ schwer greifbar und politisch anschlussfähig. Sie erlaubt es, den Diskurs zu personalisieren, ohne die Struktur zu berühren. Für die Resilienzfrage ist das unerquicklich, aber nicht zentral. Entscheidend ist nicht, wie geschlossen oder lose ein Täterlabel ist, sondern dass es offenbar genügt, minimale Mittel an bekannten Engstellen einzusetzen.

Was Schutz bedeuten würde

Was wäre also Schutz, wenn man ihn wirklich wollte? Kurzfristig ließe sich Gelegenheit reduzieren: temporäre Bewachung, mobile Sensorik, bessere Beleuchtung, klare Alarmwege zwischen Betreiber, Polizei und Feuerwehr. Das senkt Risiko, behebt es aber nicht. Mittelfristig wären bauliche Maßnahmen nötig: Einhausungen, Brandschutzbarrieren, Entbündelung, klare Verantwortlichkeiten für Detektion und Reaktion. Die wirksamste Ebene – Redundanz durch alternative Trassen und echte Diversifizierung – ist ein Mehrjahresgeschäft. Planung, Genehmigungen, Bau, Integration in den Netzbetrieb, Material und Fachkräfte lassen sich nicht beschleunigen, ohne neue Risiken zu erzeugen.

Resilienz ist zudem mehr als Abwehr. Sie ist Durchhaltefähigkeit. In Berlin hing die öffentliche Wahrnehmung stark daran, wie lange die Wiederherstellung dauerte – und wie sie erklärt wurde. Kommunikation ist Teil der Versorgung. Wer sie verfehlt, verstärkt den Schaden, selbst wenn die Technik hält. Der missverständliche Einsatz des Warnsystems beim Wiederhochfahren war kein Randfehler, sondern ein Symptom.

Die offene Flanke der Politik

Das KRITIS-Dachgesetz kann an dieser Stelle sinnvoll sein, wenn es nicht als Placebo dient. Entscheidend ist, worauf es zielt: auf überprüfbare Mindeststandards für physische Sicherheit, auf Übungs- und Meldepflichten, auf Ersatzteilstrategien und auf die Finanzierung all dessen. Pflichten ohne Investitionspfad laufen ins Leere oder werden zur stillen Preiserhöhung. Genau hier liegt der Widerspruch, den das martialische Vokabular elegant überdeckt: Wer mehr Überwachung verspricht, muss erklären, warum jahrelang sichtbare Verwundbarkeiten in Beton und Stahl politisch nachrangig blieben.

Der Berliner Anschlag war kein Beweis für den Kollaps eines Systems. Er war der Beweis, dass ein System im Normalbetrieb so geführt wird, als blieben Ausnahmetage theoretisch. Und er zeigte, wie schnell „kritische Infrastruktur“ zur abstrakten Chiffre wird, obwohl sie eine sehr konkrete Topografie hat: Brücken, Schächte, Trassen, Umspannwerke, Baugruben, Schaltpläne, Prüfprotokolle.

Damit zurück zur Rhetorik des „Zurückschlagens“. Sie ist nicht deshalb unerquicklich, weil sie zu hart wäre, sondern weil sie den Konflikt falsch rahmt. Sie stellt ein Gegenüber her, wo es um Gestaltung geht. Sie erzeugt Symbolik, wo Baustellen nötig wären. Und sie bleibt absehbar folgenarm, solange die eigentliche Arbeit – physischer Schutz, Redundanz, Finanzierung – nicht denselben Rang erhält wie das Versprechen, irgendwo entschlossener durchzugreifen.

Man kann Deutschland schnell unsicherer reden. Sicherer bauen dauert. Der Berliner Blackout hat das nicht erklärt, sondern vorgeführt – in Kälte, Dunkelheit und mit einem Warnsignal, das ausgerechnet beim Wiederhochfahren ins Leere lief. Wer daraus Resilienz machen will, muss aufhören, sich in der Tätererzählung einzurichten. Die nächste Schwachstelle wird nicht dort liegen, wo die Politik zuletzt hinsah, sondern dort, wo weiterhin zu viel an einem einzigen Punkt hängt.

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Axel Napolitano betreibt Awesomniac und publiziert dort regelmäßig zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Die Plattform dient ihm als unabhängiger Ort für Kommentare, Essays und analytische Einordnungen.

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