US-Außenpolitik: Zwischen Aggression und Strategie
Was derzeit als grober Stilbruch amerikanischer Außenpolitik diskutiert wird, ist weniger ein Neuanfang als eine Rückkehr. Die Erschütterung liegt nicht im Mittel, sondern darin, dass die dahinterliegende Logik wieder offen ausgesprochen wird.

Keine Entgleisung – sondern der Verzicht auf Tarnung
Man kann über die jüngsten außenpolitischen Auftritte der USA lachen. Man kann sie als grobschlächtig abtun, als intellektuell unterkomplexe Reality-Show mit Atomwaffen. Man kann Donald Trump für einen politischen Unfall halten, für das Resultat medialer Verrohung und institutioneller Ermüdung. All das ist bequem – und analytisch unerquicklich. Denn es verkennt, dass das, was derzeit geschieht, nicht trotz seiner Rohheit funktioniert, sondern wegen ihr.
Die amerikanische Außenpolitik ist nicht entgleist. Sie hat lediglich aufgehört, sich zu entschuldigen.
Was wie improvisierte Aggression wirkt – Drohungen gegen Mexiko, Venezuela als militärisch exekutierter Präzedenzfall, Kuba wieder auf der Abschussrampe, Grönland als geopolitischer Pfandbon –, folgt einer inneren Ordnung. Sie ist alt. Sie ist kalt. Und sie ist, in ihrer eigenen Logik, erstaunlich stringent. Wer sie verstehen will, muss nicht in die Gegenwart schauen, sondern zu Denkern, die Macht noch ohne moralische Schonbezüge beschrieben haben.
Klassische Machtlehre als Gegenwartsdiagnose
Carl von Carl von Clausewitz wird gern zitiert und selten gelesen. Sein berühmter Satz vom Krieg als Fortsetzung der Politik meint keinen Kontrollverlust, sondern das Gegenteil: maximale Rationalität unter veränderten Bedingungen. Gewalt ist kein moralisches Versagen, sondern ein Werkzeug, wenn politische Ziele anders nicht erreichbar scheinen. Entscheidend ist nicht die Brutalität der Mittel, sondern ihre Zweckmäßigkeit im Verhältnis zum Ziel.
Und dieses Ziel hat sich sichtbar verschoben. Nicht mehr Stabilität um jeden Preis, sondern Dominanz bei minimaler Bindung. Keine Ordnungspflege, sondern Zugriff. Keine dauerhaften Kriege, sondern exemplarische. Venezuela ist in dieser Logik kein Sonderfall, sondern ein Machbarkeitsnachweis.
Niccolò Machiavelli hätte darin nichts Skandalöses gesehen. Macht, so seine nüchterne Beobachtung, lebt nicht von Zustimmung, sondern von Wirkung. Furcht sei verlässlicher als Zuneigung – nicht edler, nicht schöner, aber stabiler. Voraussetzung: Sie muss kontrolliert bleiben. Genau das ist der Kern der aktuellen amerikanischen Linie. Keine totale Eskalation, sondern dosierte Härte. Sichtbar genug, um zu wirken, begrenzt genug, um handhabbar zu bleiben.
Hier schließt Sunzi den Kreis. Der höchste Sieg, so seine bekannte Maxime, ist der, bei dem der Gegner bereits verloren hat, bevor es zur Schlacht kommt. Unsicherheit, Unklarheit, psychologischer Druck – das sind keine Begleiterscheinungen, sondern zentrale Instrumente. Wer nicht weiß, ob die Drohung real ist, muss sie behandeln, als wäre sie es. Genau darin liegt ihre Effizienz.
Spannung als Methode, Angst als Ressource
In dieser Verbindung aus klassischer Militärtheorie und moderner Kommunikation entsteht das, was man funktional als „Strategie der Spannung“ bezeichnen kann. Nicht als historisches Zitat, sondern als Prinzip. Angst und Unsicherheit werden nicht als Kollateralschaden hingenommen, sondern gezielt erzeugt. Nicht der offene Krieg ist das Ziel, sondern ein permanenter Schwebezustand, der Gegner zur Reaktion zwingt und ihnen die Initiative entzieht.
Außenpolitisch übersetzt sich das in kalkulierte Regelbrüche. Die Botschaft lautet nicht: Wir führen Krieg. Sondern: Wir könnten – jederzeit. Diese Unsicherheit ist der eigentliche Hebel. Kurzfristig wirkt er hervorragend. Langfristig zerstört er Vertrauen. Beides ist einkalkuliert.
Intervention als Tradition, nicht als Ausnahme
Dass diese Logik nicht neu ist, sondern historisch praktiziert wurde, lässt sich belegen. Kuba wurde nach 1959 zum Lehrstück amerikanischer Interventionspolitik. Die Versuche, das Regime von Fidel Castro zu destabilisieren, reichten von offener Invasionsunterstützung – etwa der gescheiterten Schweinebucht-Operation Operation Zapata – bis zu einem langjährigen verdeckten Druckregime aus Sabotage, Destabilisierung und Attentatsplänen, gebündelt unter Operation Mongoose. Dass diese Programme existierten, ist keine Vermutung, sondern durch spätere Untersuchungen des US-Senats, insbesondere im Umfeld des Church Committee, dokumentiert. Ziel war nicht der formelle Krieg, sondern permanenter Druck, permanente Eskalationsfähigkeit, die Demonstration politischer Verfügungsmacht unterhalb der Kriegsschwelle.
Ein ähnliches Muster zeigt sich im Iran. Der Sturz des demokratisch legitimierten Premierministers Mohammad Mossadegh im Jahr 1953 markiert einen frühen Kulminationspunkt amerikanischer Bereitschaft, politische Führung durch Intervention zu ersetzen, wenn strategische Interessen berührt schienen. Die gemeinsam mit dem britischen Geheimdienst durchgeführte Operation Ajax (TPAJAX) zielte explizit auf die Entfernung eines Regierungschefs, dessen Politik – konkret die Kontrolle über iranische Ölressourcen – als unvereinbar mit westlichen Interessen galt. Kurzfristig stellte die Operation Kontrolle her, langfristig legte sie die strukturellen Grundlagen für eine bis heute anhaltende politische Konfrontation.
Diese Linie setzte sich fort. In Afrika wurde die Ermordung von Patrice Lumumba von westlichen Geheimdiensten zumindest billigend in Kauf genommen, nachdem er als unberechenbarer Akteur im geopolitischen Gefüge des Kalten Krieges galt. In Südostasien mündete die amerikanische Unterstützung für den Sturz von Ngô Đình Diệm in einen Machtzerfall mit verheerenden Folgen, der nicht Stabilität, sondern Eskalation produzierte. Und in Chile ging der systematische politische, wirtschaftliche und diplomatische Druck gegen Salvador Allende dem Militärputsch von 1973 voraus, der das Land für Jahre in eine autoritäre Ordnung zwang.
In Lateinamerika selbst wurde diese Logik spätestens 1989 offen exekutiert. Die US-Invasion in Panama diente offiziell der „Wiederherstellung der Demokratie“, tatsächlich aber der militärischen Festsetzung von Manuel Noriega. Noriega, zuvor über Jahre hinweg Kontaktmann amerikanischer Geheimdienste, wurde zum internationalen Kriminellen erklärt, militärisch aus seinem Amt entfernt und extraterritorial in die USA verbracht. Die Botschaft war unmissverständlich: Staatsoberhäupter im amerikanischen Einflussraum genießen Souveränität auf Widerruf – abhängig von ihrer strategischen Nützlichkeit.
Vor diesem Hintergrund wirkt auch die jüngste Debatte um die Festsetzung beziehungsweise gewaltsame Verbringung eines amtierenden Staatsoberhauptes – samt Ehepartnerin – nicht wie ein Tabubruch, sondern wie die Wiederaufnahme einer bekannten Praxis mit aktualisierter Terminologie. Ob als „Festnahme“, „Überstellung“ oder „Operation zur Rechtsdurchsetzung“ etikettiert: Der Kern bleibt identisch. Souveränität erscheint nicht mehr als völkerrechtlich garantierter Status, sondern als funktionale Variable innerhalb eines Machtkalküls. Dass solche Szenarien heute wieder offen diskutiert werden, markiert weniger eine Eskalation als eine Enthemmung – und genau darin liegt ihre eigentliche Aussagekraft.
Eine Doktrin, älter als ihre Rechtfertigungen
Der Rückgriff auf die Monroe-Doktrin wirkt aus europäischer Perspektive anachronistisch, beinahe folkloristisch. Und doch funktioniert er innenpolitisch in den USA bis heute als Legitimationsrahmen. Der amerikanische Kontinent als sicherheitspolitischer Innenraum, äußere Einmischung als Bedrohung, eigenes Eingreifen als Schutzmaßnahme.
Der Unterschied zu früher liegt nicht in der Denkfigur, sondern in der Welt, auf die sie heute trifft. Was einst regional blieb, ist heute systemisch. Jede Eskalation wirkt global.
Trump als Figur – Europa als Adressat
Donald Trump ist in diesem Gefüge nicht der Architekt, sondern die geeignete Oberfläche. Er verkörpert Eskalationsbereitschaft, ohne sie erklären zu müssen. Seine kommunikative Unbeherrschtheit dehnt den Handlungsspielraum, seine Personalisierung verleiht Drohungen Glaubwürdigkeit. Dass seine Aussagen regelmäßig von Ministern, Militärs und Beratern eingefangen und operationalisiert werden, ist kein Korrektiv, sondern Teil des Modells.
Für Europa ist das der entscheidende Punkt. Man steht nicht einem irrationalen Akteur gegenüber, sondern einem System, das Unsicherheit bewusst einsetzt – und einen Protagonisten nutzt, der diese Unsicherheit personifiziert. Die alte Arbeitsteilung, nach der Washington abschreckte und Europa normativ moderierte, funktioniert unter diesen Bedingungen nicht mehr.
Europa hat diese Entwicklung nicht verpasst, sondern sich an ihr vorbeiorganisiert. Zwei Jahrzehnte lang galt Macht als historisches Relikt, Ordnung als Selbstläufer und Sicherheit als ausgelagerte Dienstleistung. Während sich die Welt neu justierte, blieb Europa beim Vokabular – und verwechselte Haltung mit Handlungsfähigkeit. Die jetzige Exponiertheit ist kein Unfall, sondern das Ergebnis dieser Asymmetrie.
Europa ohne Sicherheitsreserve
Für Europa – und insbesondere für Deutschland – ist das keine moralische, sondern eine strategische Lagebeschreibung. Ein Akteur, der Unsicherheit systematisch produziert, ist kein verlässlicher Anker mehr. Jahrzehntelang konnte man sich strategische Bequemlichkeit leisten: Sicherheit ausgelagert, Industrie global fragmentiert, Abhängigkeiten als Effizienz verkauft.
Wenn diese Kopplung sich löst, bleibt Europa mit einem paradoxen Erbe zurück: wirtschaftlich offen, politisch langsam, militärisch fragmentiert, institutionell blockiert. Einstimmigkeit wird zur Einladung für externe Einflussnahme. Fiskalische Selbstfesselung zur strategischen Lähmung.
Der Befund, der stehen bleibt
Die aktuelle US-Außenpolitik folgt einer klaren, historisch belegten Logik. Sie ist kein Ausrutscher, sondern ein Rückfall. Kurzfristig wirksam, langfristig zerstörerisch. Empörung ersetzt keine Analyse, Nostalgie keine Strategie.
Die USA handeln rational – in einer Logik, die Europa sich lange nicht mehr zu denken angewöhnt hat. Genau das macht die Lage so gefährlich.
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