Insolvenzen als Waffe
Die Pleitewelle ist real – und genau deshalb ist sie als politisches Rohmaterial so attraktiv. Wer sie zur persönlichen Schuld eines Kanzlers umschmiedet, gewinnt Aufmerksamkeit und verliert Wahrheit.

Es gibt zwei Arten, über Insolvenzen zu sprechen. Die eine ist langweilig, weil sie an Zahlen hängt, an Fristen, an Kreditbedingungen, an Auftragseingängen, an Branchenlogiken – kurz: an der Welt. Die andere ist effektiv, weil sie diese Welt auf eine Figur reduziert, die man anschreien kann. Die AfD hat sich entschieden. Nicht erst seit gestern, aber mit wachsendem Eifer, seitdem Friedrich Merz im Kanzleramt sitzt. Sie behandelt Insolvenzen nicht mehr als Symptom einer langen ökonomischen Kette, sondern als moralisches Urteil. Merz soll „verantwortlich“ sein, „schuldig“, ein „Bankrotteur“. Die Pleiten dienen als Beweisstück, das keiner Prüfung standhalten muss, solange es im Bild sitzt.
Wer über Unternehmensinsolvenzen redet, redet zwangsläufig über Zeit. Genau diese Zeit schneidet die AfD-Erzählung systematisch heraus. Das Statistische Bundesamt weist bei den monatlichen Zahlen ausdrücklich darauf hin, dass Insolvenzanträge erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik eingehen. Der tatsächliche Antrag liegt in vielen Fällen rund drei Monate früher. Wer also im Winter 2025/26 auf steigende Fallzahlen zeigt, verweist oft auf Entscheidungen aus dem Spätsommer oder Herbst. In vielen Betrieben lief es da längst am Limit – unabhängig davon, ob ein Kanzler gerade Leitlinien formuliert oder alte Versprechen sortiert.
Die bequeme Schuld
Die AfD bedient hier ein Muster, das man nicht „Meinung“ nennen sollte, wenn man präzise bleiben will. Es ist eine Kampagne. Sie arbeitet wiederholt, kanalübergreifend und mit denselben semantischen Bausteinen: Pleitewelle, Deindustrialisierung, „Wirtschaftswende gescheitert“, „schwarz-rot treibt Unternehmen in den Ruin“. Dazu kommt die notwendige Personalisierung auf Merz als Chiffre für „das System“. Das lässt sich in Pressemitteilungen ebenso nachlesen wie in Parlamentsreden. Auf Social Media wird es weiter verdichtet, bis es meme-fähig ist.
Der Trick ist simpel. Eine statistisch und konjunkturell erklärbare Entwicklung erscheint als singulärer, politisch verursachter „Anschlag“. Das ist nicht nur verkürzt, es ist eine andere Gattung Aussage. Verkürzung wäre: „Die Politik macht zu wenig für den Standort.“ Darüber ließe sich streiten. Desinformation beginnt dort, wo Komplexität absichtlich in Eindeutigkeit verwandelt wird – nicht, um zu erklären, sondern um zu beschädigen.
Das zeigt sich in der Grammatik. In der AfD-Rhetorik dominieren Verben, die das Urteil bereits enthalten: „treibt in den Ruin“, „überzieht den Mittelstand“, „Bankrotteur“. Das ist keine Analyse, sondern ein Schuldspruch, der sich nur noch mit Zahlen schmückt. Und natürlich sind die Zahlen dankbar. Das IWH meldete für 2025 insgesamt 17.604 Insolvenzen bei Personen- und Kapitalgesellschaften – den höchsten Stand seit 2005, sogar über dem Niveau der Finanzkrise 2009. Wer verstehen will, warum das so ist, landet zwangsläufig bei Zinsen, Energiepreisen, Nachfrage, Strukturwandel und Nachholeffekten. Wer einen Schuldigen sucht, landet beim Kanzler.
Ökonomik der Pleitewelle
Das eigentlich Unredliche an der „Merz-ist-schuld“-Erzählung liegt nicht in der Kritik selbst. Politik muss kritisiert werden, und wer regiert, kann sich nicht hinter „globalen Umständen“ verstecken. Unredlich ist, dass die AfD ausgerechnet dort moralisiert, wo sich Moral am schlechtesten eignet.
Insolvenzen sind in einer Marktwirtschaft kein Skandal an sich. Sie markieren oft das Ende von Liquiditätsketten. Aufträge brechen weg, Kosten laufen weiter, Kreditlinien verteuern sich oder verengen sich, Zahlungsziele verlängern sich, Forderungen werden uneinbringlich. In der aktuellen Lage kippen mehrere Schocks zeitversetzt in dieselbe Bilanz: Energiepreise, Zinswende, schwache Industrie-Nachfrage, Kostensteigerungen. Hinzu kommt die nüchterne Tatsache, dass manche Geschäftsmodelle in einer neuen Kosten- und Regulierungsrealität nicht mehr tragen. Selbst das IWH betont, dass sich die hohen Zahlen nicht mehr allein mit Pandemie-Folgen oder Zinspolitik erklären lassen.
Wer daraus eine persönliche „Schuld“ des Kanzlers ableitet, behandelt die Volkswirtschaft wie ein Ein-Hebel-System: falscher Mensch oben, richtige Zahl unten. Das ist bequem – und ökonomisch falsch. Der Staat kann Rahmenbedingungen verbessern oder verschlechtern. Eine Insolvenz reagiert jedoch selten auf ein Kabinettsprotokoll. Sie reagiert auf Monate, manchmal Jahre: Verträge, Investitionen, Zinsbindungen, Kundenverluste, Wettbewerbsdruck, technologische Verschiebungen.
Gerade deshalb wirkt die AfD-Kampagne so zerstörerisch. Sie verwandelt eine ohnehin nervöse Investitionslage in eine moralische Dauerkrise. Wer Unternehmen und Beschäftigte mit dem Narrativ füttert, das Land werde von „Bankrotteuren“ regiert, erzeugt zusätzliche Unsicherheit. In der Realwirtschaft ist Unsicherheit kein Gefühl, sondern ein Preisaufschlag: bei Finanzierung, bei Investitionen, bei Standortentscheidungen. Dass Verbände und Kammern seit Jahren genau auf diese Gemengelage hinweisen, ist bekannt. Das verschwindet nicht, nur weil man die Schuld personalisiert.
Man kann es zugespitzt sagen: Die AfD inszeniert sich als Anwältin des Mittelstands und arbeitet zugleich an der politischen Atmosphäre, in der Mittelstand am schlechtesten funktioniert. Es ist eine Atmosphäre permanenter Delegitimation, in der jede Entscheidung als Betrug gelesen wird und jede Zahl als Beweis für Systemversagen gilt.
Die zerstörte Erwartung
Warum ist das trotzdem so wirksam? Weil Insolvenzen kommunikativ brutal sind. Sie sind sichtbar, sie haben Opfer, sie haben Namen. Sie liefern lokale Geschichten. Und sie eignen sich perfekt für den Fehlschluss, der politisch am besten skaliert: Korrelation wird zu Kausalität, Kausalität zu Schuld, Schuld zur Abrechnung.
Im Bundestag lässt sich dieses Muster klar erkennen. AfD-Reden koppeln Arbeitsplatzverluste und Insolvenzerwartungen an die Erzählung, die Regierung habe das Land „gegen Deutschland“ regiert. Merz fungiert dabei als Symbol gebrochener Versprechen. Parallel erscheinen Pressemitteilungen, die den Rekordcharakter der Pleiten als politisches Versagen markieren und als Hebel für die eigene „Kehrtwende“ nutzen. Auf Social Media verdichtet sich das zu einem simplen Loop: „Pleitenrekord“, „Lügenkanzler“, „nur noch AfD“.
Das ist keine normale Opposition. Es ist eine Destabilisierungstechnik. Sie kritisiert Vertrauen in Institutionen nicht, sie entwertet es. Sie bewertet Regierungshandeln nicht in Zielkonflikten, sondern unterstellt böswillige Absicht. Ökonomische Härten übersetzt sie nicht in Strukturfragen, sondern in Feindbilder, die jede Gegenrede als „Ausrede“ markieren.
Der volkswirtschaftliche Schaden liegt nicht nur im Ton. Er liegt in den Nebenwirkungen. Wer die Insolvenzstatistik zum politischen Flammenwerfer macht, beeinflusst Erwartungen: dass es nur schlimmer werden könne, dass alles kippe, dass Investitionen warten müssten, bis „aufgeräumt“ sei. Genau dieses Erwartungsmanagement vertieft Rezessionen. Konsum wird verschoben, Investitionen werden vertagt, Kredite restriktiver bepreist. Dafür braucht es keine Verschwörung. Es reicht die simple Tatsache, dass Stimmung Entscheidungen lenkt – und politische Kommunikation Teil dieser Stimmung ist.
Beschädigt wird auch die Fähigkeit, überhaupt noch wirtschaftspolitisch zu steuern. Wer jede Maßnahme vorab als Täuschung framet, verhindert keine Fehlentscheidungen. Er verhindert Entscheidungen. Das Resultat ist keine bessere Politik, sondern hektischere, kurzfristigere, populärere – und meist schlechtere. Die Ironie liegt offen zutage: Eine Partei, die sich als marktwirtschaftlich inszeniert, untergräbt mit Dauer-Alarmismus genau das, was Märkte brauchen. Planbarkeit. Vertrauen. Erwartungsstabilität.
Natürlich kann Merz Fehler machen. Natürlich kann eine schwarz-rote Regierung Reformversprechen verwässern, zu langsam liefern oder schlecht kommunizieren. Selbst seriöse Analysen beschreiben eine wachsende Systemkrise im Regierungsbetrieb. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine Insolvenzstatistik als persönlicher Strafzettel taugt. Wer so argumentiert, behandelt Wirtschaftspolitik wie einen Lichtschalter – nicht wie ein Geflecht aus Institutionen, Abhängigkeiten und Zeitverzögerungen.
Die AfD weiß das. Genau deshalb handelt sie so. Denn „Merz ist schuld“ muss nicht stimmen, um zu wirken. Es muss nur hängen bleiben.
Am Ende bleibt eine unbequeme Beobachtung. Eine Demokratie kann mit schlechten Zahlen leben. Sie kann sogar mit schlechten Regierungen leben. Was sie schlecht überlebt, ist die systematische Umrechnung von Wirklichkeit in Schuld – als Dauerzustand. Dann wird aus ökonomischer Krise politische Selbstbeschädigung. Und die ist, anders als eine Insolvenz, nicht sanierbar. Sie zahlt einfach weiter – mit Vertrauen.
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